Was würde in deinem Unternehmen passieren, wenn Microsoft morgen seine Dienste in der EU abstellt? Wärst du noch fähig zu arbeiten?
Kein Zugriff mehr auf E-Mails. Teams-Calls, die ins Leere laufen. SharePoint-Dokumente, die man nicht mehr öffnen kann.
Für viele Unternehmen wäre das kein ärgerlicher Zwischenfall, sondern ein Stillstand.
Das Szenario ist bewusst zugespitzt und relativ unwahrscheinlich. Aber: Es trifft einen wunden Punkt. Kommunikation, Buchhaltung, Vertrieb, IT, Produktion, Logistik.
Überall wird Software aus dem Ausland eingesetzt, die abhängig macht.
Laut einer aktuellen Bitkom-Studie „Digitale Souveränität 2025“ sehen mehr als 90 % der deutschen Unternehmen eine starke Abhängigkeit von digitalen Technologien aus dem Ausland wie den USA und China.
Gleichzeitig wächst der politische Druck.
Der Internationale Strafgerichtshof will Microsoft durch die Open-Source-Anwendung OpenDesk ersetzen. Die EU-Kommission verhandelt seit Monaten darüber, ihre Cloud-Dienste von Microsoft Azure auf Alternativen wie den französischen Anbieter OVHcloud zu verlagern.
Auch Airbus geht als Vorbild voran.
Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern plant, kritische Systeme (wie z.B. ERP-, Produktions-, CRM- und PLM- Systeme) mit sehr sensiblen Daten weg von US-Cloud-Infrastruktur in eine souveräne europäische Cloud zu überführen, aus Angst vor rechtlichen sowie staatlichen Zugriffsmöglichkeiten (z. B. durch den US CLOUD Act).
Vor diesem Hintergrund stellst du dir als Geschäftsführer*in, Bereichsleiter*in oder IT Leiter*in womöglich die Frage, wie viel Abhängigkeit von großen US-Software-Anbietern kannst und willst du dir leisten? Welche Möglichkeiten bieten Open-Source-Technologien?
Und vor allem: Wie mache ich mein Unternehmen digital unabhängiger?
Wir haben dazu mit unserem Entwickler Stefan Lotties gesprochen, der selbst an Open-Source-Projekten mitgewirkt hat. Er erklärt, was die Vorteile, aber auch Schattenseiten von Open-Source-Technologien sind und inwiefern es überhaupt möglich ist, wirklich digital „frei“ zu sein.
Die internationalen Schlagzeilen liefern aktuell im Wochentakt neue Überraschungen: von Handelskonflikten und Exportkontrollen bis hin zu abrupten politischen Kurswechseln.
Selbst Themen, die früher wie absurde Fantasien klangen, werden plötzlich offen diskutiert. Wie etwa Donald Trumps wiederholte Vorstöße rund um Grönland. All das hat natürlich eine Wirkung auf Wirtschaft, Lieferketten und den Zugang zu Technologien.
Die naheliegende Konsequenz: In Europa wächst der Wunsch, sich weniger abhängig zu machen, insbesondere von den USA und China. Schließlich stammt ein großer Teil unserer digitalen Infrastruktur, Plattformen und Technologien aus diesen Regionen. Exportkontrollen und Sanktionen zeigen, wie schnell Technologien zum Instrument der Machtpolitik werden.
Auch regulatorisch wird diese Richtung gestärkt: Mit Vorgaben wie dem EU Data Act entstehen Anreize für mehr Wechselbarkeit und Interoperabilität.
Das spiegelt sich im Markt wider: Anbieter entschärfen Lock-in-Hürden und bauen „Sovereign Cloud“-Angebote aus, die besser zu europäischen Anforderungen passen.

Gleichzeitig passiert noch etwas und das finden wir bemerkenswert positiv: Open Source ist heute viel stärker im Mainstream angekommen. Inzwischen ist die Qualität vieler Open-Source-Produkte so hoch, dass sie nicht nur mithalten, sondern in bestimmten Bereichen zum Standard geworden sind.
Das sieht man auch an den großen Playern: Microsoft hat in den letzten zehn Jahren eine Art 180-Grad-Wendung hingelegt.
Früher galt Microsoft als typischer Vertreter proprietärer Software Strategien. Jahrzehnte lang sah das Unternehmen Open Source eher als Risiko für sein Geschäftsmodell an (z. B. in den bekannten „Halloween-Dokumenten“ aus den 1990er Jahren).
Ab etwa Mitte der 2010er Jahre begann Microsoft unter der Führung Satya Nadella, seine Haltung grundlegend zu ändern.
Das Unternehmen kommunizierte , dass es „Linux liebt“ und setzte zunehmend auf offene Ökosysteme statt nur auf geschlossene proprietäre Systeme. Azure-Cloud-Dienste laufen heute zu einem großen Teil auf Linux-basierten Infrastrukturen.

Der Tech-Konzern hat viele seiner früher proprietären Technologien als Open-Source-Projekte veröffentlicht, darunter u. a.: .NET Core / .NET Framework-Projekte, Visual Studio Code, PowerShell. Diese sind jetzt öffentlich auf GitHub verfügbar und werden von der Community genutzt und weiterentwickelt.
Die Übernahme von GitHub im Jahr 2018 gilt als eines der wichtigsten Signale von Microsoft für ihre Pro-Open-Source-Strategie. GitHub ist die weltweit größte Plattform für Open-Source-Projekte. Auch Tech-Unternehmen wie Facebook mit React investieren aktiv in Open-Source-Technologien.
Die offenen Systeme werden damit nicht mehr als Gegenentwurf zur Industrie gesehen, sondern als Fundament, auf dem selbst die Platzhirsche bauen.
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem politischen Kontext und bezeichnet die Fähigkeit von Unternehmen, Staaten sowie Individuen, in einer digitalen Welt eigene Entscheidungen souverän und frei von äußeren Abhängigkeiten zu treffen.
Im Konkreten heißt das:
Für Unternehmen bedeutet das: Digitale Souveränität kann ihnen ermöglichen, eigenständig, flexibel und resilient aufgestellt zu sein. So können sie sich vor geopolitischen Spannungen oder marktbedingten Unsicherheiten schützen.
Open Source bedeutet wörtlich „offene Quelle“.
Das heißt: Der Quellcode einer Software ist öffentlich zugänglich. Jede Person darf:
Dadurch wird Software nicht zur „Black Box“, sondern zum offenen Bauplan, der verstanden und angepasst werden kann. Als Entwickler*in kannst du sogar an den Projekten mitwirken.
Im Gegensatz dazu stehen proprietäre Systeme, bei denen der Code geheim ist (z. B. Microsoft Windows, Google Workspace, Salesforce, OpenAI ChatGPT).

Vorbei sind die Zeiten, in denen nur die großen Platzhirsche hochwertige Produkte entwickeln konnten. Mittlerweile ist die Qualität von Open-Source-Technologien stark gestiegen.
In den letzten Jahren sind viele freie Tools entstanden, die mindestens mit etablierten Systemen mithalten:
Unternehmen können den Quellcode bei Bedarf forken. Dadurch können sie die Software unabhängig vom ursprünglichen Anbieter weiterentwickeln, an eigene Anforderungen anpassen oder den Betrieb langfristig selbst sicherstellen. Forken bedeutet, den frei verfügbaren Quellcode einer Open-Source-Software zu kopieren und als eigenständige Version unabhängig vom ursprünglichen Projekt weiterzuentwickeln.

Durch Open Source Technologien entsteht viel mehr Vielfalt auf dem Markt. Die Softwarelösungen beschränken sich nicht mehr nur auf die großen Anbieter.
Um greifbarer zu machen, wie Open Source in der Praxis aussieht, hier einige typische Beispiele. Lösungen, die bereits heute in vielen Unternehmen und Verwaltungen im Einsatz sind:
Diese Vielfalt zeigt: Open Source ist breit nutzbar. Vor allem in Bereichen wie der Infrastruktur gibt es wirkliche Alternative. Was Digital-Workplace-Anwendungen betrifft, gibt es allerdings erhebliche Lücken in der Open-Source-Landschaft.
Open Source bietet echtes Potenzial für mehr digitale Souveränität.
Was für Unabhängigkeit spricht:

Du kannst direkt mitmachen. Manchmal ist es aber so, wie in eine neue Clique reinzukommen, in der alle eine rote Jeans tragen. Niemand sagt dir, dass du auch eine brauchst – aber wenn du mit einem anderen Stil auftauchst, dauert es, bis du akzeptiert wirst.
Auch offene Lösungen haben ihre Abhängigkeiten:
Beispiel: Hauptmaintainer von core-js saß im Gefängnis
Ende 2019 geriet Denis Pushkarev, Hauptmaintainer der JavaScript-Bibliothek core-js, nach einem Verkehrsunfall mit Todesfolgen in Haft.
Plötzlich war unklar, wer das Open Projekt weiter pflegt du wie es damit weitergeht.
Gleichzeitig wurde core-js millionenfach genutzt (u. a. für Polyfills) und hatte eine enorme Verbreitung.
Solche Fälle zeigen: Ein Open-Source-Projekt kann ins Stocken geraten, wenn Wartung, Releases und Verantwortung zu stark auf eine Person konzentriert sind.
Die Community kann zwar forken, aber ein geordneter Übergang, klare Zuständigkeiten (mehrere Maintainer) und eine Organisationsstruktur sind entscheidend, damit Abhängigkeiten nicht nur die Form wechseln.
Die ehrliche Antwort: Wahrscheinlich nicht. Zumindest nicht vollständig.
Große Unternehmen können sich Autonomie oft „kaufen“ – Kleine nicht.
Konzerne wie Google oder Facebook investieren, sponsorn oder steuern Ökosysteme aktiv mit. Damit stabilisieren sie Projekte und sichern sich Einfluss, Planbarkeit und letztlich Autonomie.
Auch so wird wieder eine Abhängigkeit erzeugt: US-amerikanische Tech-Konzerne investieren in Open Source, um Marktmacht aufzubauen und Ökosysteme zu kontrollieren. Sie verfolgen damit ihre strategischen Ziele. Europäische Firmen verhalten sich dagegen zurückhaltender.
Diese Entwicklung überschneidet sich mit einer oft als passiv wahrgenommenen Haltung Europas, das zwar Open Source politisch befürwortet, jedoch wenig in eigene, strategisch relevante digitale Infrastrukturen investiert.
Ähnlich wie in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik verlässt sich Europa stark auf die USA, anstatt technologische Souveränität konsequent selbst aufzubauen. Dadurch entsteht eine strukturelle Abhängigkeit.
Wenn es schon etablierte Standard-Tools gibt, ist es für kleinere Firmen selten wirtschaftlich, eigene Anwendungen zu entwickeln.
Mit KI-gestützter Entwicklung ändert sich das allerdings: Software wird zukünftig schneller produziert als jemals zuvor. (Und: Wenn es darum geht, unternehmenseigene Prozesse abzubilden oder Innovationen zu schaffen, liefert eine individuelle Lösung neben Souveränität den entscheidenden Wettbewerbsvorteil. )
Auch fehlt kleineren Unternehmen häufig die finanziellen Mittel Open-Source-Projekte zu sponsern. Sie können aber dennoch von den offenen Anwendungen profitieren.
Digitale Souveränität heißt in der Praxis nicht „100 % unabhängig“, sondern bewusst abhängig mit Plan B. Entscheidend ist, wo Autonomie wirklich zählt, wie Unternehmen Exit-Fähigkeiten sichern und welche Abhängigkeiten sie strategisch akzeptieren, weil sie wirtschaftlich sinnvoll sind.
Dafür gibt es einen klaren strategischer Handlungsrahmen:
Spannend ist in dem Zuge auch der Deutschland-Stack: Ein strategisches Konzept zur Stärkung der digitalen Souveränität in Deutschland, insbesondere für Verwaltung und öffentliche IT.
Der Deutschland-Stack gibt einen technologieoffenen Baukasten aus Open-Source-Software, offenen Standards und möglichst europäisch Infrastrukturen vor, der Abhängigkeiten von großen, außereuropäischen Anbietern reduzieren soll.

Wir entwickeln für dich deine eigenen Lösungen. Mit KI können wir bereits in wenigen Stunden deinen Prototypen bauen.
So kannst du in kürzester Zeit:
Digitale Souveränität heißt: Deine Daten. Deine Regeln. Deine Software. Deine KI.
100 % digitale Unabhängigkeit ist (aktuell zumindest) unrealistisch. Aber es gibt Möglichkeiten handlungsfähig zu bleiben, auch wenn Anbieter, Märkte oder Politik sich verändern. Open Source ist dabei ein wichtiger Baustein.
Die wichtigsten Takeaways:
So wird digitale Souveränität zu einem praktischen Programm: Risiken senken, Flexibilität erhöhen und Zukunftsfähigkeit stärken. Nicht durch Abschottung, sondern durch bewusste Architektur- und Technologieentscheidungen.
zu Software und Agilität